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Interview mit Winfried Kretschmann in der Stuttgarter Zeitung am 02.02.2009

"Im Klerus herrscht falscher Korpsgeist"
Kretschmann: Schaden durch Traditionalisten unermesslich


Papst Benedikt XVI. habe die Glaubwürdigkeit der Kirche schwer beschädigt, sagt Winfried Kretschmann, Grünen-Politiker und Mitglied des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken. Er fordert gegenüber Michael Trauthig eine Korrektur der päpstlichen Beschlüsse und von den deutschen Bischöfen deutliche Worte.

StZ: Herr Kretschmann, denken Sie angesichts der päpstlichen Begnadigung für einen Holocaust-Leugner an Kirchenaustritt?

Kretschmann: Nein. Ich bin während meiner linken Studentenzeit schon einmal ausgetreten und dann zurückgekehrt. Wenn man so etwas tut, hat man seinen Frieden mit der Kirche gemacht. Dennoch hat mich seither nie mehr etwas so sehr erschüttert wie die skandalöse Rehabilitierung des Bischofs Williamson.

StZ: Rom behauptet, dessen Lügen seien erst später bekanntgeworden.

Kretschmann: Ob das stimmt, kann ich nicht beurteilen. Die Sache wird dadurch aber nicht besser. Es konnte niemandem verborgen bleiben, welcher reaktionäre und antisemitische Bodensatz bei den Lefebvre-Anhängern mitschwingt.

StZ: Manche verteidigen die Aussöhnung mit dieser konservativen Gruppe als Versuch, die Einheit der Kirche wiederherzustellen.

Kretschmann: Diese Leute sind nicht konservativ. Das sind freiheitsfeindliche Fundamentalisten. Die Piusbruderschaft kämpft immer noch gegen die Aufklärung. Sie will nicht, dass die Kirche in der Moderne ankommt. Dass sie Ideen pflegt, die direkt gegen das Evangelium gerichtet sind, zeigt sich in der schamlosen Holocaust-Leugnung. Geschichtliche Tatsachen zu fälschen, war bisher das Projekt gottloser, totalitärer Diktatoren wie Hitler und Stalin.

StZ: Auch abgesehen von diesen Lügen, müssen Sie doch zweifeln, ob Sie mit Leuten, die Sie als Freiheitsfeinde charakterisieren, in einer Kirche sein wollen.

Kretschmann: Die katholische Kirche hat mehr als eine Milliarde Mitglieder. Da tummelt sich so manches. Da darf man nicht die engsten Maßstäbe anlegen. Die Frage ist aber, wo hat diese Pluralität ihre Grenzen. Das muss dort sein, wo Gruppen gegen die Kernaussage des Evangeliums von Gottes- und Menschenliebe verstoßen. Eine Gruppe, die Menschenwürde und Menschenrechte nicht als Grundlage der Gesellschaft akzeptiert, gehört nicht in die Kirche.

StZ: Das heißt, der Papst muss die Lefebvre-Jünger wieder rausschmeißen?

Er müsste. Das zweite vatikanische Konzil hat den Schritt in die Moderne getan. Es hat den Freiheitsgedanken dadurch in die Kirche geholt, dass es auch die Menschen anderen Glaubens und die Religionslosen radikal anerkannte. Davon wollen diese Sektierer aber nichts wissen.

StZ: Halten Sie eine Korrektur durch den Vatikan für denkbar?

Kretschmann: Das Ganze ist ein singulärer Vorgang. Den könnte er revidieren. Allerdings tut sich der Vatikan schwer, Fehler offen einzugestehen, weil so die Aura der Unfehlbarkeit leiden würden, obwohl dieses Kirchendogma sich gar nicht auf solche Entscheidungen bezieht.

StZ: Welche Folgen erwarten Sie für die Stellung der Kirche in der Gesellschaft?

Kretschmann: Der Schaden ist unermesslich. Dieser Akt beschädigt die Glaubwürdigkeit der Kirche. Ihr Einsatz für Menschenwürde, Menschenrechte und den Schutz des Lebens wird verdunkelt. Nach so einem Ereignis ist es nie mehr so wie vorher.

StZ: Können Sie das konkreter fassen?

Kretschmann: Denken Sie nur an die Auseinandersetzung in Berlin um den Religionsunterricht. Die Gegner dieses Faches können künftig argumentieren, dass eine Organisation ein ordentliches Schulfach verantworten soll, die Holocaust-Leugner rehabilitiert. Die Argumentation ist verkürzt, aber sie wird wirken.

StZ: Wie verändert sich jetzt die Atmosphäre in der Kirche?

Kretschmann: Zunächst ist für alle offensichtlich geworden, welch große Spannungen es in der Kirche gibt. Hier kleine Kräfte, die die Uhren vor die Aufklärung zurückstellen wollen. Dort die Masse der Katholiken, die einen Glauben wünschen, der auf der Höhe der Zeit ist. Besonders sie dürften enttäuscht und ernüchtert reagieren. So wird sich einerseits die Krise der Kirche mit sinkenden Mitgliederzahlen und dem Priestermangel womöglich verschärft fortsetzen. Andererseits sehe ich die große Gefahr, dass diejenigen mehr Auftrieb gewinnen, die die Kirche in die Nische führen wollen. Da gehört sie aber nicht hin. Sie gehört in die Mitte der Gesellschaft.

StZ: Hat der Papst seinen Ruf in Deutschland endgültig ruiniert?

Kretschmann: Das ist eine Frage der nächsten Zeit und hängt von den weiteren Signalen aus dem Vatikan ab. Wenn die Stärkung dieser freiheitsfeindlichen, oft rechtsradikalen Leute das letzte Wort wäre und es andererseits dabei bliebe, angesehene liberale Theologen auszugrenzen, dann hätte dieses Pontifikat keine Kraft mehr zur Erneuerung der Kirche.

StZ: Sie haben die Hoffnung nicht aufgegeben?

Kretschmann: Die Hoffnung gehört ja schließlich zu den christlichen Grundtugenden. Persönlich trifft mich aber schwer, dass nun in Tagen niedergerissen wird, was man in Jahren aufgebaut hat. So bemühe ich mich, zum Beispiel im säkularen Milieu der Grünen, deutlich zu machen, dass die Kirche sich geändert hat und heute einer der Vorkämpfer für Frieden, Demokratie und Menschenrechte ist.

StZ: Hat der deutsche Episkopat auf das Vorgehen Roms angemessen reagiert?

Kretschmann: In der Distanzierung vom Holocaust-Leugner sind die Reaktionen richtig, aber insgesamt sind sie viel zu vorsichtig. Ich hätte mir gewünscht, dass die Bischöfe, wie es im Galaterbrief heißt, "ihm ins Angesicht widerstanden hätten". In Deutschland sind wir auf ganz andere Weise betroffen als jedes andere Land. Deshalb hätten die deutschen Bischöfe klar und deutlich sagen müssen, dass es sich um eine falsche Entscheidung handelt, hinter der sie nicht stehen.

StZ: Hätten sie damit ihre religiöse Gehorsamspflicht verletzt?

Kretschmann: Ein sehr problematischer Begriff. Es gibt auch mal einen Punkt, wo offene Papstkritik erforderlich ist. Denn auch das wäre ein Signal, dass man in der modernen Welt angekommen ist, wo jeder weiß, dass niemand von Irrtümern frei ist. Leider gibt es keine wirklich offenen harten innerkirchlichen Diskurse im Klerus mehr. Stattdessen herrscht ein falscher Korpsgeist und der falsche Glaube, dass offene Kritik schadet. Die Briefe des Apostels Paulus zeugen von sehr offenen Auseinandersetzungen zu Beginn des Christentums. So wurde es zur Weltreligion. Und kein geringerer als er sagte: "Prüfet alles, das Gute behaltet!"

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